Massenabfertigung am Königssee

Touristenautobahn am Obersee

Von St. Bartholomä fahren meine Frau und ich weiter zum südlichen Ende des Königssee nach Salet. Dort liegt das nächste Gasthaus, die Saletalm. Wir wollen entlang des Südufers des Obersees zum Röthbach-Wasserfall wandern, mit 470 m Fallhöhe der höchste Wasserfall Deutschlands. Der Wanderweg ist völlig überlaufen. Ständig überholt man entweder selbst andere Wanderer oder wird überholt.

Überall, wo die Bäume am Ufer einen unverstellten Blick auf den Obersee erlauben, bilden sich Gruppen und es wird um die Wette fotografiert.

Und dann wird es ganz unangenehm; bis zum westlichen Ufer des Obersees geht es auf einem der drei barrierefreien Wege des Nationalparks.1 Dann aber ändert sich die Schwierigkeit schlagartig und aus dem „barrierefreien Weg“ wird ein „mittelschwerer Steig“: Ein Steig ist nicht breit, sondern schmal. Und es wird steil.

Das wäre alles nicht schlimm, aber:

„Kurze absturzgefährdete Passagen oder drahtseilgesicherte Stellen sind zu bewältigen.“2

„Kurz“ ist ein relativer Begriff; es sind mehrere hundert Meter. Der Steig ist in die  Felswand hineingehauen und es geht 10 oder 20 m steil zum See hinab. Gefühlt sind es 100 m, denn ich bin nicht schwindelfrei. Der Steig ist sogar zweimal gesichert. Mit einem Drahtseil an der Steilwand und einem Drahtgeländer zum See hin. Das Drahtseil könnte etwas straffer gespannt sein, aber es verleiht mir Sicherheit. Dem Geländer dagegen traue ich nicht; es reicht mir kaum bis zu den Hüften – halten würde das mich nicht. Und Halt brauche ich, denn der Steig ist nass und der Fels und die Holzstufen sind rutschig. Die vielen Wanderer auf dem Steig machen mich fix und fertig. Hinter mir wird gedrängelt und vor mir geht es nicht weiter. Ganz schlimm wird es, wenn Gruppen entgegen kommen und mich zwingen, das Seil loszulassen.

Am Ostufer des Obersees ist schon wieder ein Gasthof: die Fischunkelalm. Wie auf jeder Alm im Nationalpark herrscht hektischer Betrieb. Vor der Essens- und Getränkeausgabe bildet sich eine Warteschlange.

Ich frage mich, ob die vielen Gasthöfe im Nationalpark Ursache oder Folge des Massentourismus sind.

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  1. Nationalparkverwaltung Berchtesgaden, „Griaß Di“ im Nationalpark Berchtesgaden – Deutschlands einziger Alpen-Nationalpark []
  2. ebd. []