Massenabfertigung am Königssee

2.000 Schiffsreisende täglich

Bayerns Finanzminister Markus Söder ist des Lobes voll:

„Fast 700 000 Fahrgäste genießen jährlich auf umweltfreundliche Art die traumhafte Natur und Landschaft des Königssees.“1

Das macht fast 2.000 Fahrgäste täglich.

Rechnet man mit 70 Personen pro Reisebus, entspricht das fast 30 Reisebussen. Oder 60 Schulklassen mit Begleitung. So eine Rechnung findet man natürlich nicht in der Süddeutschen. Sie druckt am 22. Mai 2017 ganz einfach die Meldung der Nachrichtenagentur dpa ab. Genau dasselbe macht der Berchtesgadener Anzeiger in seinem Artikel vom selben Tag: Neue „Marktschellenberg“ gleitet über den Königssee. Die Redaktion ergänzt die dpa-Meldung lediglich mit ein paar Zahlen über das neue Boot, die sich aber sowieso kein Leser merken kann. Was am Königssee los ist, wenn 2.000 Menschen nach St. Bartholomä oder zum Obersee strömen, das verschweigen beide Zeitungen. Der Massentourismus in Berchtesgaden ist ein Tabuthema und wird einfach totgeschwiegen.

Warteschlange bei St. Bartholomä

In dem Linienbus, der pickepackevoll vom Bahnhof zum Königssee fuhr, saßen fast nur Chinesen. Und die guckten die ganze Fahrt entweder auf ihr Smartphone oder knipsten wild in der Gegend herum oder machten Selfies.

Der Weg vom riesigen Parkplatz zum Schiffsanleger führt über eine Einkaufsstraße: Hier kann man Wanderschuhe, Dirndl, Lederhosen und Andenken kaufen. Es gibt mehrere Hotels, ein Café, eine Eisdiele, ein Süßwarengeschäft, ein Restaurant und ein Brotzeitstüberl. Und eine Ausstellung über Romy Schneider.

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  1. Süddeutsche Zeitung vom 22. Mai 2017 []