Winterwanderung zum Rachel

C. Strukturelle Komplexität

In jeder Sonntagsrede sprechen Förster davon, dass die Wirtschaftswälder der Zukunft „strukturreich“ sein sollen. Vorgeblich will niemand mehr die „strukturarmen“ Plantagen der Vergangenheit, wo die Baumstangen wie die Soldaten in Reih und Glied stehen. Am Rachel kann man sich schon einmal anschauen, was Strukturreichtum bedeutet:

Da gibt es abgestorbene Fichten, deren Borke zwar abgefallen ist, deren silbrig-graue Stämme aber auch zwei Jahrzehnte nach dem Borkenkäferbefall immer noch stehen. Da gibt es Baumstämme, die der Sturm umgeworfen hat und die wie Mikadostäbchen über und untereinander liegen und einen chaotischen Verhau bilden. Da gibt es Baumstümpfe, von denen der Stamm abgebrochen ist, und aufgeklappte Wurzelteller. Letztere nutzt bspw. die Ringdrossel als „Brutverstecke und Singwarten“.1

Ring Ouzel

Das Totholz bietet eine Fülle der unterschiedlichsten Lebensräume für Überlebende und Neubesiedler. So liegen einige dicke Stämme auf dem Boden und verschwinden im hohem Gras, so dass ein kühles und feuchtes Mikroklima entsteht. Andere Stämme liegen über diesen Stämmen und sind der prallen Sonne ausgesetzt. Hier ist das Mikroklima warm und trocken. Es gibt Totholz mit ganz unterschiedlichen Durchmessern: Stammholz ist dick, Kronenholz dünn. Im Lauf der Jahre verrottet das Holz mehr und mehr. Und auf jeden Durchmesser und auf jedes Zersetzungsstadium sind ganz bestimmte Käfer und Pilze spezialisiert.

Swanson zählt das Totholz zum „biologischen Erbe“ („biological legacies“), das die abgestorbenen Fichten der nächsten Generation von Lebewesen vermacht haben. Von diesem Erbe leben allein Hunderte verschiedene Arten von Totholzkäfern.2


D. Räumliche Unterschiede

Von Förstern bewirtschaftete Wälder sind häufig von einer deprimierenden Eintönigkeit: Stunde um Stunde wandert man durch Holzplantagen, die immer gleich aussehen. Die Hochlagen am Rachel sind dagegen abwechslungsreich, denn der Borkenkäfer bringt die alten Fichten nicht überall und nicht gleichzeitig zum Absterben. Und genauso geschieht auch die Verjüngung nicht überall und nicht gleichzeitig. So entsteht ein Flickenteppich von unterschiedlichen Flächen.

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  1. siehe Simon Thorn, Hans Jehl und Anton Fischer, Windwürfe – Katastrophe oder Motor der Walderneuerung []
  2. siehe Artenvielfalt auf belassenen Borkenkäferflächen – Käfer []