Riesenkahlschlag am Ruckwiesberg

„Die Philosophie des Nationalparks ‚Natur Natur sein lassen‘ wurde hier zur Satire.“
Martinus Martin, Leserbrief an die Zeitschrift GEO im März 1999

 

GEO-Leserbriefe vom März 1999 zu den Kahlschlägen

Im Dezemberheft 1998 hatte GEO einen Bericht mit dem Titel „Im Bayerischen Wald singen die Sägen“ veröffentlicht. Darin wurde der neue Nationalparkleiter Karl-Friedrich Singer massiv dafür kritisiert, dass er 58.000 Festmeter Holz hatte einschlagen lassen. Im März 1999 veröffentlichte GEO zwölf Leserbriefe zu dem Bericht, die auch 15 Jahre später nichts von ihrer Aktualität verloren  haben. Unter den Leserbriefschreiber waren so prominente Personen wie Prof. Gerhard Trommer, Prof. Knapp und die damalige BUND-Vorsitzende Dr. Angelika Zahrnt. Ich zitiere zunächst die neun Leserbriefe, die sich der Kritik an Karl-Friedrich Singer anschlossen, dann die vier Brief, die ihn verteidigten.

Die Fotos vom Riesenkahlschlag am Ruckwiesberg habe ich vom Goldsteig aus  im September 2014 gemacht – sieben Jahre nach dem Abräumen der Windwürfe.

 

Prof. Dr. Rüdiger Disko, Institut für Medizinische Mikrobiologie der TU München, 81675 München

„Panzer“ ist ein Lieblingswort der italienischen Presse, wenn es um teutonische Brutalität geht. Den zuständigen Beamten in Bayerns Staatsforstverwaltung und deren verlängertem Arm, dem neuen Direktor des Nationalparks Bayerischer Wald, sind selbst winzige 0,4 der knapp 1,5 Prozent Nationalparkfläche Deutschlands, auf der sich der Wald unbehelligt entwickeln darf, offensichtlich noch zu viel. Für sie ist Wald nichts als Holz, sich selbst überlassene Natur nichts als unrentable Schlamperei.
Unter dem Vorwand der Borkenkäferbekämpfung haben sie in ihrer Panzer- und Vollzugsmentalität mit Schwerstgerät und unfaßlichen Verwüstungen an Jungwald und alten Buchen ihren Kriegszug gegen den Nationalpark geführt; stolz auf ihren Siegesraub verschleppten sie 50.000 Festmeter gewinnbringendes Holz – illegal wurde der Wald der Stämme beraubt, auf deren Moder sich neues Waldleben hätte entwickeln können.
Warum 1.200 Meter Waldschutzzone statt der üblichen 500 Meter? Warum kein Versuch, sich mit den Besitzern der umliegenden Privatwälder über Entschädigung zu einigen? Tagtäglich steht der Naturschutz gegen Macht, Geldgier und Ordnungswahn mehr mit dem Rücken zur Wand. Im Bayerischen Wald haben die Holzköpfe die Macht ergriffen.

 

Martinus Martin, 80805 München:

Leider hatte auch ich im August 1998 das makabre Glück, das „Konzert der singenden Sägen“ im Nationalpark Bayerischer Wald mitzuerleben. Breite, frisch mit Mineralbeton aufgeschüttete Forststraßen führten direkt zum Schauplatz: der Kernzone „Klosterfilz“.
Die Philosophie des Nationalparks „Natur Natur sein lassen“ wurde hier zur Satire. Schwere Forstfahrzeuge schleppten gefällte Fichtenstämme querfeldein zu Lagerplätzen, wo sich das „geerntete“ Holz bereits meterhoch türmte. Entlang der Kahlschlagsfläche wanderte eine verunsicherte Touristenfamilie, die rein rechtlich nicht einmal Blumen hätte pflücken dürfen – verkehrte Welt Nationalpark.
Erst sehr viel später erfuhr ich von der offiziellen Rechtfertigung für diesen massiven Eingriff. Die Kernzone „Klosterfilz“ wurde zur Randzone erklärt, denn in einer solchen darf man Bäume fällen, um die umliegenden Waldbauern vor dem gefürchteten Borkenkäfer aus dem Nationalpark zu schützen. Kann denn eine Kernzone gleichzeitig auch eine Randzone sein? Wie sagte Ministerpräsident Edmund Stoiber bei seinem Besuch im Bayerischen Wald am 22. Oktober 1997: „Eine Mogelpackung Nationalpark darf es nicht geben.“

 

 

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