Riesenkahlschlag am Hirschgespreng

„Hat der Borkenkäfer sich auch in die Gehirne der Nationalparkhüter gebohrt?“
Magazin quer im November 2009

 

Dokument des Irrsinns

Ich bezeichne den Ministerentscheid als ein Dokument des Irrsinns:

Wenn man riesige Windwürfe nicht aufarbeitet, kommt es darin zwangsläufig zu explosionsartigen Borkenkäfermassenvermehrungen. Da die Abermilliarden Käfer in den umgeworfenen Fichten irgendwann nicht mehr genügend Brutraum finden, fallen sie in die umliegenden Fichtenwälder ein, die der Sturm nicht umgeworfen hat. Diese Ausbreitung muss dann aber laut Nationalparkverordnung § 14 (3) bekämpft werden. Und das geht nur mit Riesenkahlschlägen. Ein Ausbruch des Borkenkäfers aus einem mehrere Dutzend ha großen Windwurf kann nicht mit dem Entfernen einzelner Fichten in einem „cordon sanitaire“ bekämpft werden. Das hätte jeder der befragten „Waldwissenschaftlern, Wissenschaftlern und Borkenkäfer-Experten“ spätestens seit den Erfahrungen mit den liegen gelassenen Windwürfen von 1983 und 1984 im Altpark wissen müssen1.

Es ist verrückt, Windwürfe in den Zonen 2 a und 2 b liegen zu lassen. In dem Sturmholz vermehrt sich der Borkenkäfer. Der aber muss in diesen Zonen bekämpft werden. Sturmwürfe liegen zu lassen führt dort notwendigerweise zu Kahlschlägen. Entweder man lässt die Windwürfe liegen, dann muss man auch den anschließenden Borkenkäferbefall dulden. Oder man arbeitet die Windwürfe auf, dann hat man wenigstens vor dem Käfer Ruhe. Wer A sagt (Windwürfe liegen lassen), muss auch B sagen (Borkenkäfer nicht bekämpfen). Oder anders herum: Wer nicht B sagen will, braucht auch nicht A zu sagen. Ein bisschen Prozessschutz geht so wenig wie ein bisschen schwanger.

Den Bergfichtenwäldern am Hirschgespreng wurde die vierte Windwurffläche, die liegen gelassen wurde, zum Verhängnis: das Distelruck. Diese Windwurffläche direkt neben der tschechischen Grenze ist ca. 30 ha groß. Auf dem Satellitenbild vom bayerischen Geoportal ist jede einzelne geworfenen Fichten gestochen scharf erkennbar:

nicht geräumter Windwurf am Distelruck

 

Aus dieser Fläche brach der Borkenkäfer 2009 aus. Niemanden konnte das ernsthaft überraschen. Die Massenvermehrung lief wie nach Lehrbuch ab. Es war wie 1986 reloaded: Nachdem man 1983 und 1984 87 ha Windwürfe in der Naturzone des Altparks liegen gelassen hatte, brach der Borkenkäfer 1986 aus diesen Windwurfflächen aus und befiel massenhaft die gesunden Fichten im Umkreis2.

Auf dem Satellitenbild wird sichtbar, wie sich ähnlich einem Krebsgeschwür seit 2009 die Kahlschläge vom Distelruck in westlicher und südlicher Richtung ausbreiten:

Distelruck_Hirschgespreng

 

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  1. siehe Hans Jehl, Die Waldentwicklung auf Windwurfflächen im Nationalpark Bayerischer Wald, in: Nationalparkverwaltung Bayerischer Wald (Hg.), 25 Jahre auf dem Weg zum Naturwald, Neuschönau 1995, S. 113 ff. []
  2. siehe Stefan Nüßlein, Ursprünge und bisheriger Verlauf der Totholzausbreitung, in: Bayerische Landesanstalt für Wald- und Forstwirtschaft (Hg.), Zur Waldentwicklung im Nationalpark Bayerischer Wald 1999, Freising 2000, S. 2 []