Riesenkahlschlag am Hirschgespreng

„Einen Wald grün erhalten durch Kahlschlag?“
Magazin quer im November 2009

 

Der Entscheid von Umweltminister Schnappauf vom 10. Mai 2007

Wenn man verstehen will, wie es zu den Riesenkahlschlägen am Hirschgespreng kam, muss man die Vorgeschichte kennen. Am 19. Januar 2007 warf der Orkan Kyrill im Nationalpark 160.000 Festmeter Holz um. Daraufhin fällte Umweltminister Werner Schnappauf eine folgenschwere Entscheidung, die er am 10. Mai 2007 in Regen der Presse verkündete. Sie ist in der lesenswerten Sonderausgabe „Kyrill“ der Zeitschrift „Unser Wilder Wald“ Heft 21 auf Seite 3 abgedruckt. Ich zitiere die Entscheidung in ganzer Länge:

„Der Wald soll so grün wie möglich bleiben“

Der Orkan Kyrill hat im Januar im Nationalpark Bayerischer Wald 160.000 Festmeter „Sturmholz“ verursacht, davon im Randbereich des Nationalpark-Altgebiets ca. 40.000 Festmeter und im Nationalpark-Erweiterungsgebiet ca. 120.000 Festmeter mit einem Schwerpunkt in den Lagen oberhalb 1.000 Meter.

Die großen Windwurfflächen der Hochlagen liegen in den Kerngebieten des Auerhuhnvorkommens auf beiden Seiten der Landesgrenze und damit in hochwertigen Natura-2000 Lebensräumen.

Entscheidungsfindung mit allen Partnern vor Ort

Ich habe am 20. April 2007 die Windwurfflächen gemeinsam mit MdL Brunner und dem Vorsitzenden des Kommunalen Nationalparkausschusses, Landrat Wölfl, beflogen und mich über die Situation vor Ort informiert. Das Thema wurde intensiv mit Waldwissenschaftlern, Wissenschaftlern und Borkenkäfer-Experten diskutiert.

Die Nationalparkverwaltung hat auf meine Bitte hin auch die Mitglieder des Kommunalen Nationalparkausschusses über die Auswirkungen des Orkans Kyrill informiert und ihnen die Überlegungen für das weitere Vorgehen unterbreitet. In seiner Sitzung am 30. April 2007 hat der Kommunale Nationalparkausschuss ausgiebig diskutiert und das Für und Wider der möglichen Entscheidungs-Alternativen abgewogen und folgende Vorgehensweise akzeptiert:

Von den insgesamt rund 350 Hektar Windwurf im Nationalpark-Erweiterungsgebiet werden zwei Drittel aufgearbeitet. Oberstes Ziel ist, den Nationalpark so grün wie möglich zu erhalten. Deshalb werden wir drohende Borkenkäfer-Kalamitäten durch rasches Handeln begrenzen durch:

  1. Konsequente, umfassende und schnellstmögliche Aufarbeitung der Windwürfe außerhalb der Naturzonen.
  2. Konsequente Aufarbeitung der Einzelbaumwürfe und kleinen Windwurfnester.
  3. Konsequente Borkenkäferbekämpfung im Umfeld der flächigen Windwürfe und sorgfältiges Monitoring.
  4. Liegenlassen der flächigen Würfe in den Hochlagen.

Auf tschechischer Seite ist ebenfalls die Entscheidung gefallen, die großflächigen Windwürfe liegen zu lassen.

Durch das Liegenlassen der Bäume kann hier am besten erreicht werden, dass so schnell wie möglich wieder ein neuer Wald entsteht. Um jede der fünf großen Windwurfflächen wird ein zirka 500 Meter breiter Beobachtungsring („cordon sanitaire“) im Stehendholz gezogen und darin der Borkenkäfer intensiv bekämpft.

Gründe fürs Liegenlassen

  1. Eine unter hohem Technikeinsatz durchgeführte Räumung der großen Windwurfflächen in den Hochlagen würde zu einer massiven Schädigung der Böden und weitgehenden Vernichtung der bereits vorhandenen jungen Bäumchen führen.
  2. Die durch den Windwurf entstandenen Rohböden im Bereich der aufgeklappten Wurzelteller sind ideale „Kinderstuben“ für junge Bäumchen wie Ebereschen, Buchen oder die in den Hochlagen verbreiteten Fichten.
  3. Herumliegende Stämme, dicke Äste oder Wurzelteller schützen vor Schneedruck, Bodenabtrag und halten das Wild fern. Die Jungpflanzen werden vor Verbiss geschützt.
  4. Totholz beeinflusst die natürliche Verjüngung in Waldbeständen positiv: Verrottet ein am Boden liegender Baumstamm, werden die im Holz gespeicherten Nährstoffe mit fortschreitender Zersetzung langsam zurückgegeben.
  5. Totholz ist Lebensgrundlage und Refugium tausender Arten von Tieren, Pflanzen, Pilzen und Flechten und dadurch ein wichtiger Bestandteil des Ökosystems Wald. Neben der Verjüngung auf Rohböden verjüngt sich die Fichte auch gerade auf dem liegenden toten Holz (sog. Rannenverjüngung).

Erfahrungen im Nationalpark lehren, dass allein durch die Kraft der Natur mehr als zehn Millionen junge Bäumchen gesprossen sind.

Meine Damen und Herren, ich habe mir die Entscheidung in dieser Sache nicht leicht gemacht, gerade weil ich weiß, wie wichtig der Bayerische Wald für die Region und ihre Menschen ist.

Staatsminister Dr. Werner Schnappauf

 

In derselben Ausgabe präzisiert Nationalparkleiter Sinner, welches Drittel der Windwurfflächen nicht „aufgearbeitet“ wird. Ich zitiere ausführlich aus Sinners Aufsatz „Kyrill – Waldzerstörer und belebendes Naturereignis?“ auf Seite 2:

„Für fünf große Windwurfflächen hat nach eingehender Beratung das Staatsministerium den Vorschlag der Nationalparkverwaltung aufgegriffen und im Interesse der Substanzerhaltung des Waldes entschieden, diese Flächen nicht aufzuarbeiten. Natürlich führt eine solche Entscheidung zu intensiven Diskussionen, nicht nur nachdem sie getroffen wurde, sondern bereits in ihrer Vorbereitung. Nahezu jeder, der sich die Mühe machte, in die großen Windwurfflächen hineinzugehen, um die Situation intensiv vor Ort anzuschauen und zu diskutieren, kam zwangsläufig zu dem Ergebnis, dass in diesen Bereichen eine Aufarbeitung der Windwürfe nicht nur sinnlos, sondern schädlich ist.
Neben der fachlichen Diskussion in den Windwurfflächen war ein weiteres Phänomen erlebbar: Niemand, der diese Flächen begangen hat, konnte sich der Faszination entziehen, die diese unmittelbar erlebbare Urkraft der Natur ausübte. Das gilt nicht nur für das unmittelbare Bild der wie ein Mikadospiel hingeworfenen Bäume; die großen Räder der Wurzelteller mit den schwebenden Felsblöcken, welche die Wurzeln in ihrer Umarmung aus dem Boden gerissen haben, die farbenfrohen Frühjahrsblüher, die das unerwartete Licht der Sonne genießen, die Kohorten des jungen Fichtenwaldes, der sich anschickt, das ihm geschenkte Sprungbrett ins Leben zu nutzen, die ganze Lebendigkeit von Pflanzen und Tieren auf den von der Natur bereiteten neuen Lebensräumen hinterlassen tiefe Eindrücke. Die Verbindung zum alten Wald wird durch das Liegenlassen nicht unterbrochen, Schutz und Hilfe für den jungen Wald durch gefallene Veteranen in reichem Maße gegeben.“

Unter dem Aufsatz findet sich eine Karte, auf denen die 5 großen Windwürfe eingezeichnet sind, die liegenbleiben. Sie heißen:

  1. Lackenberg
  2. Sandl
  3. March
  4. Distelruck und
  5. Bärnloch

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