Da Woid is‘ unser Hoamatland – Zur Kritik am Heimatgefühl des Waldlers

„Machen Sie [= Leibl] einfach einen Wald mit Bäumen. Einen Wald, der gehegt und gepflegt wird. Einen Wald, dem geholfen wird, wenn er Hilfe braucht. […] und hören Sie endlich auf mit dem blöden Prozessschutz […]“
(Leserbrief im Grafenauer Anzeiger vom 17. Januar 2015)

Natürlichkeit und Künstlichkeit

Laut Müller hat der Waldler eine ganz bestimmte Vorstellung im Kopf, wie ein natürlicher Wald auszusehen hat: Es muss ein gesunder, sauberer, aufgeräumter, grüner Wald sein!

„In einem Interview hält ein Anwohner das Bild eines sauberen, grünen Waldes für angeboren: so muss ein ordentlicher Wald aussehen und das sollte ein ordentliche Forstwirtschaft schützen. […] Nur wenn Menschen dem Wald helfen, wird er dem Angriff des Borkenkäfers widerstehen können.1

Ohne den Menschen geht im Wald gar nichts:

„Als Waldlerin mit einer langen Linie von Vorfahren in dieser Waldregion möchte ich betonen, dass es unsere Vorväter waren, die diese einzigartig schönen natürlichen Wälder mit unbeschreiblicher Arbeit geformt haben, zusammen mit der Natur, und sie haben sie uns anvertraut als ein Erbe, das bewahrt werden muss.“ (Bayerwaldbote Zwiesel, 29. Oktober 2005)2

An diesem Satz ist so ziemlich alles falsch, aber an Kritik ist Müller nicht gelegen. Vor allem ist dieser Satz in sich widersprüchlich:

  • Entweder man lässt Natur Natur sein. Dann ist der Wald natürlich oder er entwickelt sich langsam zu einem natürlichen Wald zurück.
  • Oder der Mensch greift ein. Dann ist er künstlich.

Eine dritte Alternative gibt es nicht. Bestenfalls lässt sich noch sprechen von naturnahen oder naturfernen Wäldern. Aber schon mit dem Begriff der Naturnähe wird Schindluder getrieben, denn: „Bei Förstern ist immer alles naturnah!“ (Knut Sturm) Aber nicht einmal die Bayerischen Staatsforsten würden abstreiten, dass die Fichtenmonokulturen im NLP naturfern sind. Beweis für die Künstlichkeit der Stangenäcker ist die „unermessliche Arbeit“, die Generationen von Waldarbeitern aufgewendet haben. Diese ist nur deshalb nötig, weil ständig gegen die Natur gearbeitet werden muss. Im Wirtschaftswald wird jede zweite Fichte vor ihrer Erntereife wegen Windwurf, Schneebruch oder Borkenkäfer gefällt. Und als erntereif gelten Fichten in Deutschland schon mit 60 Jahren. Darüber nimmt das Ausfallrisiko dramatisch zu.

Mit ihrer Meinung, dass die Fichtenwälder „einzigartig schön“ seien, stehen die Waldler ziemlich alleine:

„Sie sind naturferne Holzäcker, von denen einer der Großen der Weltliteratur, Robert Musil, einmal treffend sagte, sie provozierten Gedanken an Bretterwände, die oben grün verputzt seien. Der Literaturnobelpreisträger Elias Canetti sah in diesem Kunstforst ein Symbol für das marschierende deutsche Heer: rigide, aufrecht und in großer Dichte und Zahl.“3

Müller kritisiert den gequirlten Quatsch der Waldlerin nicht. Er verleiht ihm höhere wissenschaftliche Weihen durch geschraubte Formulierungen wie diese:

„Natur und Kultur stellen keine Gegensätze in diesem Zitat dar. Die grüne Waldlandschaft ist vielmehr ein gemeinsam konstruiertes Produkt von menschlichen und natürlichen Kräften. In dieser Sichtweise sind Menschen ein unverzichtbarer Bestandteil der grünen Waldlandschaft, die genauso sehr kulturell und menschengemacht wie natürlich ist. […] Die Aktivität des Borkenkäfers wird als unnatürlich angesehen, paradoxerweise weil sie die Abwesenheit des Menschen symbolisiert.“4

Ich würde nicht „paradoxerweise“, sondern „idiotischerweise“ sagen. Aber es gibt tatsächlich eine Berufsgruppe, die es als „unnatürlich“ ansieht, wenn sie nicht im Wald anwesend ist, die sich für „unverzichtbar“ hält und die ständig darüber redet, wie „natürlich“ doch ihre Holzäcker sind: die der Förster. Förster sind davon überzeugt, dass es ihre Pflege ist, die den Wald überhaupt erst am Leben erhält: Ohne Förster kein Wald! Ein Wald ohne Förster wird vom Käfer gefressen. Wenn man Natur Natur sein lässt, bringt der Käfer die Natur um. Ohne Förster geht es nicht. Im Erweiterungsteil des NLPs haben sie sich radikal durchgesetzt: Das Herzstück des Nationalparkplans nennt sich Walderhaltungs-. und Waldpflegemaßnahmen.5

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  1. S. 942 []
  2. S. 943 []
  3. Horst Stern, Bemerkungen über einen sterbenden Wald []
  4. S. 943 []
  5. siehe hier []