Da Woid is‘ unser Hoamatland – Zur Kritik am Heimatgefühl des Waldlers

„Es ist aber nicht allein ein materieller Verlust, sondern vielmehr ein ideeller als Erinnerung an seine Vorfahren und ein schmerzlicher Verlust an eigener Lebensfreude. Waren doch seine Bäume sein Ein und Alles.“
(Leserbrief im Grafenauer Anzeiger vom 10. Oktober 2015) 1

Seelenschmerz und Heuchelei

Müller benutzt sehr starke Worte, um die Auswirkungen der Borkenkäferepidemie auf die Waldler zu beschreiben. Die „Totholzwüsten“ verschandeln angeblich nicht nur die Schönheit der Landschaft; der Borkenkäfer greift auch das „innerste Fundament der Selbstwahrnehmung“ an. Es geht um „tief verwurzelte emotionale Verankerungen der lokalen Identität“. Denn: „Der Wald ist nicht nur Wirtschaft, sondern Seele.“ (Bayerwaldbote Zwiesel, 6. August 2005)2 Der Wald wurde „zu Tode geschützt“ und „die Landschaft entweiht“. (Bayerwaldbote Zwiesel, 6. August 2005) In der Deggendorfer Zeitung vom 18./19. Oktober 1997 steht folgender Kommentar:

„Der Borkenkäfer frisst nicht nur Bäume, er frisst die Seele. […] Ökologen, Wissenschaftler und Experten aller Art mögen definieren, was ein Nationalpark ist – mit oder ohne Borkenkäfer. Aber nur die Menschen, die dort leben, können definieren, was Heimat ist und niemand sonst. […] Im Zweifel hebt Heimat jeden Nationalpark auf.“3

Heimat als Totschlagargument. Da mögen sich Bibelriether und Scherzinger4 noch so viel Mühe geben beim Versuch, Verständnis für den Borkenkäfer zu wecken. Nein – das sind eben bloß „Experten“ von außerhalb, die keine Ahnung haben. Heimatlose Gesellen! Wenn es um „Heimat“ geht, ist der Deggendörfer schlauer als jeder Wissenschaftler. Basta!

Müller beschreibt den Seelenschmerz der ihrer Heimat beraubten Waldler so: „Es löst intensiven Schmerz und Leiden aus, den Wald sterben zu sehen.“5 Im Bayerwaldboten Zwiesel vom 9. Juli 2004 schreibt jemand:

„[Es ist] ein Verbrechen gegen die Heimat, wenn man vier Quadratkilometer von totem Holz sieht. […] Wut, Zorn und zur selben Zeit Furcht überwältigen einen.“6

Die Nationalparkverwaltung – alles „Verbrecher“! Da ist es nur zu verständlich, wenn der Waldler diese auf Informationsveranstaltungen niederbrüllt, beleidigt und auch schon mal handgreiflich wird. Müller geht auf diese unangenehmen Eigenschaften des Waldlers nur ganz am Rande ein. Den Brandanschlag auf das Haus der NLP-Wacht im Mai 19957 erwähnt er lieber erst gar nicht. Zu offensichtlich wären die Parallelen zu Brandanschlägen von Neonazis auf Flüchtlingsheime. Lieber widmet er sich den peinlichen Ergüssen eines Andreas Greis, der ein „Kefa-Lied“ und ein Nationalpark-Gedicht geschrieben hat.

Es gibt in Deutschland keine unschuldige Heimatliebe. Aus Heimat wird in Deutschland ganz schnell Vaterland. Dann Volk. Dann Führer. Gustav Heinemann hat einmal auf die Frage, ob er diesen Staat denn nicht liebe, geantwortet: „Ach was, ich liebe keine Staaten, ich liebe meine Frau; fertig!“ Dasselbe möchte man den Waldlern empfehlen.

Ich nehme den Waldlern ihre so herzinnigliche Verbundenheit mit der Heimat und das Heulen und Zähneklappern über den toten Wald nicht ab. Ich glaube, da steckt sehr viel Verlogenheit und Heuchelei und Lebenslüge dahinter und will das an vier Beispielen illustrieren:

1.
Jeder, der Augen im Kopf hatte, konnte schon 1997 sehen, dass der Wald am Lusen weder tot war noch im Sterben lag. Horst Stern überliefert in seiner Dokumentation „Bemerkungen über einen sterbenden Wald“ – der Titel war ironisch gemeint – die Anekdote, dass NLP-Gegner vor einem Besuch von Landtagsabgeordneten am Lusen die jungen Fichten, die dort zahlreich aufwuchsen, herausgerissen haben. Die vitale Naturverjüngung passte einfach nicht zur angeblich „verunstalteten, entweihten Landschaft“.8

Schon das Gejammer und Gezeter über die toten Fichten ist bescheuert. In einer Dokumentation über Bäume im Hochgebirge stellt Dieter Wieland richtig:

„Eigentlich gibt es ja gar keinen Tod bei den Bäumen. Das Vergehen ist schon wieder das Fundament für neues Leben. Im toten Holz, vom toten Holz lebt noch unendlich viel mehr als am lebendigen Baum: Käfer, Vögel, Pilze, neue Pflanzen, junge Bäume – alle zehren neue Kräfte aus diesem morschen Lebenswerk. Aus jedem Loch, aus jeder Ritze, aus jeder alten Faser.“9

2.
Bibelriether weist auf einen Sachverhalt hin, der von den NLP-Gegnern systematisch verschwiegen wird: Hätte es den NLP nicht gegeben, so wären von 1970 bis 1997 „auf mindestens 2.500 ha die alten Bäume mit der Motorsäge umgeschnitten und verkauft worden. Und niemand hätte sich darüber aufgeregt.“10 Man hätte die Wälder Schritt für Schritt kahlgeschlagen. Nichts wäre von den majestätischen alten Fichten übrig geblieben. Die Kahlschläge wären künstlich wieder mit kleinen Fichtensetzlingen aufgeforstet worden. Das wäre dann für das empfindliche Gemüt des Waldlers kein Verbrechen gegen die Heimat gewesen. Da hätte seine liebe Seele Ruh‘ gehabt. Offensichtlich muss der Wald eben nur aus der Ferne irgendwie grün aussehen. Ob alte oder junge Fichten spielt für das Waldlerherz keine Rolle: Und wenn der ganze Wald so aussähe wie eine Weihnachtsbaumschonung, egal – Hauptsache grün und Hauptsache kein Totholz! Denn Holz gehört dem Sägewerk und nicht dem Käfer. „Da Woid is sche!“

3.
Als Bibelriether und Sperber 1970 die Leitung des NLPs übernahmen, entdeckten sie 600 ha Fichtenwald, die von Hirschen total geschält worden waren.11 Horst Stern hat diesen Skandal in seinem Film „Bemerkungen über den Rothirsch“ dokumentiert. Auch darüber hat sich nie ein Waldler jemals aufgeregt. Das war kein Verbrechen gegen die Heimat. Der Rothirsch darf den Wald auffressen, nur der Käfer eben nicht. Hauptsache, das Hirschgeweih hängt im Wohnzimmer. „Da Hiasch is sche!“

4.
Dieter Wieland hat 1974 einen Dokumentarfilm über die Verschandelung der bayerischen Landschaft gedreht: „Flurbereinigung – Die maschinengerechte Landschaft“. Gegen diese dramatische Zerstörung ihres gewohnten Landschaftsbildes haben die Waldler sonderbarerweise nicht protestiert. Das war kein Verbrechen gegen die Heimat. Und das, obwohl hier Tausende von Quadratkilometern in Agrarwüsten verwandelt wurden. Feldgehölze, Hecken, Obstbäume und Alleen scheinen ebenfalls nicht tief in der Seele des Waldlers verankert zu sein. Da regt sich keine Wut, kein Zorn, keine Furcht. Eine Bürgerinitiative zum Schutz der Bayerischen Agrarlandschaft wurde nicht gegründet. Das Heimatgefühl des Waldlers hat Scheuklappen. Hauptsache, der Acker ist grün! „Da Acker is sche!“

 

Nach oben
Zurück zur Einleitung
Nächste Seite: Natürlichkeit und Künstlichkeit

  1. Der Leserbrief bezieht sich auf die Realsatire „Mein ganzer Wald ist weg!“ im Grafenauer Anzeiger vom 6. Oktober 2015 []
  2. S. 941 []
  3. ebd. []
  4. siehe z. B. Wolfgang Scherzinger, Wilde Waldnatur, Passau 2000 []
  5. ebd. []
  6. ebd. []
  7. siehe: Martina Keller, Zuviel Wald macht zornig, DIE ZEIT vom 11. August 1995 []
  8. S. 941 []
  9. Dieter Wieland, Von Bäumen im Hochgebirge, 11. Minute []
  10. Adalbert Prongratz, Der Nationalpark Bayerischer Wald, Grafenau 1998, S. 15 []
  11. Reinhard Strobl, Die Geschichte des Waldes und seiner Besiedlung, in: Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (Hg.), Eine Landschaft wird Nationalpark, Grafenau 2. Auflage 1993, S. 32 []