Da Woid is‘ unser Hoamatland – Zur Kritik am Heimatgefühl des Waldlers

„Für mich ist der NP nichts anderes als eine extrem ideologisierte Indoktrinierungsanstalt auf bedenklichem Niveau, wofür Dr. Leibl persönlich die Verantwortung trägt.“
(Leserbrief im Bayerwald-Boten vom 9. Dezember 2014)

Groll und Hysterie

Müller beschreibt die Hysterie, die 1997 nicht nur die NLP-Gegner, sondern auch die sensationshungrige Presse1 ansteckte:

„Die ungewöhnliche visuelle Erscheinung der Landschaft nach der Störung [durch den Borkenkäfer] löste einen weit verbreiteten öffentlichen Groll unter den Bewohnern des Bayerischen Walds aus. Die neue Landschaft wurde beschrieben als ‚Waldwüste‘ oder ‚Waldfriedhof‘ – stark aufrüttelnde Bilder, die dem satten Grün der Fichtenwälder widersprachen. Selbst überregionale Zeitungen und Agenturen griffen die Geschichte auf und schrieben über eine Landschaft, die einem ‚Wald von Ruinen‘ (Deggendorfer Zeitung vom 18./19. Oktober 1997) ähneln würde, wo „kilometerlang die Skelette von toten Bergfichten in den Himmel ragen‘ (Associated Press , 20. Oktober 1997). Die Landschaft nach der Störung wird charakterisiert als ödes, lebloses Buschland, das keine Ähnlichkeit mehr hat mit den majestätischen Wäldern der Vergangenheit.“2

Es ist etwas Sonderbares mit dem „Groll“ der Waldler und der Sensationslust der Medien: Am Neubruck wurden 2006 und 2007 von der NLP-Verwaltung 50 ha Fichtenwald nach einem verheerenden Schneebruch geräumt. Obwohl durch Schneebruch ebenfalls „Friedhöfe“ und „Ruinen“ entstehen und durch die anschließende Holzhackerei auch „Wüsten“ und „Buschland“, regt sich darüber niemand auf. Das versichert mir Andreas Nigl, Redaktionsleiter des Grafenauer Anzeigers. Seine Zeitung habe damals auch über den Kahlschlag gar nicht berichtet. Diese Kahlschläge kämen so oft vor, dass es nicht mehr thematisiert wird.3

Dasselbe sonderbare Schweigen nach den beiden Stürmen Kyrill 2007 und Meikel 2011! Müller hätte es eigentlich wundern müssen, warum die Empörung über „Wüsten“, „Friedhöfe“, „Ruinen“ und „Skelette“ damals völlig ausblieb. Zwei Stürme machten in nur wenigen Stunden kurzen Prozess mit dem „satten Grün der Fichtenwälder“. Kyrill und Meikel wüteten in den „majestätischen Wäldern“ genauso wie der Borkenkäfer, aber jetzt waren die Stammtische sprachlos. Kein „Groll“ der Waldler, keine wütenden Leserbriefe, keine vor Betroffenheit triefenden Kommentare.

350 ha Fichtenwälder warf Kyrill im Erweiterungsgebiet des NLPs um. Davon wurden zwei Drittel, also über 200 ha, geräumt.4 231 ha warf Meikel um. Davon wurden vier Fünftel, also 189 ha, geräumt.5 Zurück blieb „ödes, lebloses Buschland“. Aber nicht darüber ereiferten sich die Waldler. Nein – 100 % der Windwürfe sollten geräumt werden! Angesichts von so viel Borniertheit war selbst NLP-Chef Sinner, der sich so viel auf seine kommunikativen Fähigkeiten einbildete,6 am Ende mit seinem Latein. Sinner: „Ein Nationalpark, in dem der Käfer flächendeckend bekämpft wird, ist kein Nationalpark.“7 Einer, in dem über 2.000 ha geräumt werden, auch nicht.

Das idealisierte Bild des Bayerischen Waldes mit seinen grünen Waldwogen hat so wenig mit der Realität zu tun wie der Weihnachtsmann. Und das nicht erst seit dem Klimawandel. Eine ununterbrochene Kette verheerender Katastrophen reicht zurück bis ins 19. Jahrhundert. Selbst wenn alle Borkenkäfer dieser Welt ausgerottet wären – man kann die Fichtenplantagen nicht vor Schnee, Sommerdürre und Orkanen schützen.

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  1. Unrühmlicher Höhepunkt war der Artikel „Kaputtgeschützt“ von Wolfgang Metzner im Stern 1997. []
  2. S. 940 []
  3. siehe Großkahlschlag am Neubruck und insbesondere das Gespräch mit dem Journalisten Andreas Nigl []
  4. siehe Der Entscheid von Umweltminister Schnappauf vom 10. Mai 2007 []
  5. siehe Gfällei – vorprogrammierter Kahlschlag []
  6. siehe Die Kritik kommt von außen []
  7. Der kleine Aufstand der Waldbauern, Bayerwaldbote vom 16. Juli 2008 []