Da Woid is‘ unser Hoamatland – Zur Kritik am Heimatgefühl des Waldlers

„Dies sagt ein Mann [= Leibl], der in gerader Reihe mit seinen Vorgängern Sinner und Bibelriether dafür verantwortlich ist, dass […] Abermillionen alte Bäume abgestorben sind […]. Dieser Mann redet von ‚Erhalt‘ und will uns Waldlern die Heimat wegnehmen.“
(Leserbrief im Bayerwald-Boten vom 4. November 2014)

Waldheimat und Gefühlskitsch

Müller versucht zu erklären, warum der Wald für die Identität der lokalen Bevölkerung so wichtig ist:

„[Es ] entstand das Bild des bescheidenen Waldlers, der den Wald hegt und seinem Land treu ist.  In anderen Worten: Der Wald ist Heimat. [… Heimat ist] eine tief sitzende emotionale Bindung zum Ort der Herkunft, die eingeht auf das psychologische Bedürfnis nach Sicherheit, Identität und Zugehörigkeit durch räumliche Bindung.“1

Die überragende Rolle des Waldes für das Heimatgefühl verdeutlicht Müller an der Hymne der Waldler:

„Das lokale Volkslied Mir san vom Woid dahoam verbindet die emotionale Bedeutung von Heimat mit der Schönheit des Waldes:

Und unser Häuserl, des ka uns koa Wind vowahn,
Ja, weil ma`s Schindldach mit lauta Stoa eischwar`n.
Unds`s Häuserl steht im Woid, an Steigal muaßt naufgeh`,
Mir san vom Woid dahoam, da Woid is sche!

Die Waldlandschaft mit dem kleinen Haus und dem Weg, der zu ihm führt, ist ein Symbol der Heimat. Die Seele der Heimat ist der Wald – der Wald wird zur Waldheimat.“2

Fehlt eigentlich nur noch der röhrende Hirsch! Die im Lied besungene Waldlandschaft erinnert mich an das scheußliche Wandbild, das früher im Wohnzimmer meiner Oma hing: Rothirsch auf Waldlichtung. Es war mit der Hand gestickt! Meine Oma hat nie im Leben einen Hirsch gesehen. Und sie war auch nicht im Wald daheim, sondern in Gelsenkirchen-Ückendorf. Martin Müller beschreibt Gefühlskitsch, ohne diesen als solchen zu benennen. Und er kritisiert ihn auch nicht. Dabei haben derartige Volkslieder und Heimatbilder mit der Lebenswelt der Menschen nichts mehr zu tun, wenn sie denn überhaupt jemals mehr waren als Opium für das Volk. Sie gaukeln Heimat bloß vor. Sie sind genauso bizarr wie die SPD-Hymne „Glückauf der Steiger kommt!“ oder die Schalker-Fan-Hymne „Blau und weiß, wie lieb ich dich!“. Die Häuser der NLP-Gegner in Zwiesel stehen nicht im Wald. Die in Strophe 3 besungene „Tanna“ war bei Einrichtung des NLPs von der Ausrottung bedroht. Der „lust’ge Bauernknecht“ aus Strophe 4 studiert heute in München BWL. Und den „Woid“ nutzt man bestenfalls am Wochenende für einen Spaziergang. „Dahoam“ ist im Wald niemand mehr.

 

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  1. S. 938 f. []
  2. S. 939 []