Sommerwanderung zum Rachel

„Bis heute fehlt es bei vielen Menschen an Akzeptanz oder ästhetischem Empfinden für Naturdynamik.“
Jörg Müller1Wenn der Borkenkäfer geht, kommt der Gartenrotschwanz, Vogelschutz – 1/2011

Einleitung

Dies ist mein dritter Artikel über den Rachel. Nach Herbst- und Winter- jetzt auch noch eine Sommerwanderung zum Rachel. Was soll das? Warum noch ein Artikel über eine Wanderung auf ein und denselben Berg? Noch dazu immer auf ein und demselben Wanderweg! Die unterschiedlichen Jahreszeiten eignen sich jedenfalls nicht als Erklärung: auf dem Rachel wachsen Fichten und die sind völlig unabhängig von der Jahreszeit immer gleich grün. Und wer meint, im Sommer seien die vielen Wiesen am Rachel sicherlich besonders schön wegen der vielen bunten Blumen, der irrt; die Wiesen am Rachel sind im Sommer eintönig grün. Die Frage bleibt: Warum also einen dritten Artikel über den Rachel?

Um diese Frage zu beantworten, muss ich etwas ausholen. Wenn Menschen den Rachel besuchen, dann sehen sie zwar alle dasselbe. Aber sie bewerten das, was sie dort sehen, ganz unterschiedlich:

  • „So ein Mist! Diese vielen abgestorbenen Fichten! Ein verdammter Friedhof ist das!“
  • „Herrlich, wie die Natur sich erholt! Schau mal die vielen jungen Fichten!“
  • „Wenn ich das schon höre: ‚Die Natur erholt sich wieder.‘ Blödsinn! Das sind doch wieder alles nur Fichten! Und die frisst der Borkenkäfer dann wieder!“
  • „Ich sehe schwarz für die Zukunft der Fichten! Der Klimawandel wird hier eine Steppe hinterlassen!“
  • „Die dummen Förster! Diese künstlichen Fichtenforste! Man hätte hier längst einen naturnahen Mischwald pflanzen müssen!“
  • „Der Wald hier ist mir völlig egal! Hauptsache, der Kaiserschmarrn im Waldschmidthaus auf dem Rachel ist gut!“
  • „Sieht ja schon komisch aus! Aber die im Nationalpark werden schon wissen, was sie tun!“
  • „Herrlich dieser Fernblick! Als ich als Kind auf dem Rachel war, war der Wald hier ganz dunkel und düster!“
  • „Also ein schöner Wald sieht anders aus! Was sagt dieser Wohlleben eigentlich dazu?“
  • „Toll! Hier wird der Borkenkäfer ausnahmsweise mal nicht bekämpft! Hier darf Natur Natur sein!“

Der Rachel – eine gestörte Heimat

Wie gesagt: Die 10 Personen sehen alle exakt dasselbe, aber sie bewerten es ganz unterschiedlich. Und darum geht es in diesem Artikel: Es geht um die unterschiedliche Bewertung der Landschaft am Rachel. Im Mittelpunkt steht ein ganz aktueller Aufsatz von Erik Aschenbrand und Thomas Michler: Gestörte Heimat – Nationalparks zwischen Naturschutz, Tourismus und lokaler Akzeptanz.2Naturschutz und Landschaftsplanung, 51 (04), 2019. Eine längere Fassung des Aufsatzes findet sich im Buch Berr K., Jenal C. (Hgg.), Landschaftskonflikte. RaumFragen: Stadt – Region – Landschaft. Springer VS, Wiesbaden 2019 und trägt den Titel: Gestört, aber grün: 30 Jahre Forschung zu Landschaftskonflikten im Nationalpark Bayerischer Wald. An diesem Aufsatz war auch der NLP-Chef Franz Leibl beteiligt.

Die beiden Autoren untersuchen darin drei unterschiedliche Bewertungen von Landschaft:

  1. die Heimatlogik (= Bewertung der heimischen Bevölkerung)
  2. die Naturschutzlogik (= Bewertung der Naturschützer) und
  3. die Tourismuslogik (= Bewertung der Touristen).

Aschenbrand und Michler untersuchen dabei nicht speziell die Bewertung der Landschaft am Rachel. Sondern sie untersuchen ganz allgemein die Bewertung derjenigen Landschaft im NLP, die durch den Borkenkäfer dramatisch verändert wurde. Es geht also nicht nur um den Rachel, sondern z. B. auch um den Lusen.

Mein Artikel erklärt mit Hilfe des Aufsatzes von Aschenbrand und Michler ausführlich, wie Anwohner, Naturschützer und Touristen die Borkenkäferflächen im NLP bewerten und warum ihre Bewertungen so unterschiedlich sind. Dabei fließen auch persönliche Erfahrungen und meine eigenen Bewertungen des Rachels mit ein. Denn ich habe mich in dem Aufsatz wiedergefunden und auch ertappt gefühlt: „Ach so! Jetzt begreife ich das endlich!“ und „Ja! Richtig! Genauso war es auch bei mir!“

Und noch etwas hat der Aufsatz bei mir bewirkt: Ich habe zum ersten Mal Verständnis gehabt für den Protest gegen den NLP. Und vielleicht noch schlimmer: Ich fand den Protest gegen den NLP auf einmal sogar fast sympathisch. Und das war vermutlich gar nicht der Sinn des Aufsatzes! Der Artikel ist also gegliedert in die folgenden Abschnitte:

  1. die Heimatlogik
  2. die Naturschutzlogik,
  3. die Tourismuslogik und
  4. Schluss

Danksagung
Ich bedanke mich ganz herzlich bei
Thomas Michler, der seit 2007 im NLP Bayerischer Wald im Bereich Umweltbildung arbeitet. Von ihm habe ich den Aufsatz Gestörte Heimat erhalten und wir haben anregende Gespräche darüber geführt.

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