Zum Tode von Horst Stern

Hohe Medienpräsenz verbürgt keinen politischen Erfolg

Im dritten und letzten Kapitel möchte ich die falsche Vorstellung korrigieren, dass hohe Medienpräsenz ein Garant für politischen Erfolg sei. Bürgerinitiativen sind häufig versucht zu glauben, dass Medienpräsenz praktisch unweigerlich zu politischem Erfolg führt. Einen großen Teil ihrer Energien widmen sie folglich dem Bemühen, in die Zeitung oder sogar ins Fernsehen zu kommen. Das Beispiel von Horst Stern zeigt, dass er trotz seiner überragenden Präsenz in den Medien mit eigener Fernsehsendung und als Chef-Redakteur einer Zeitschrift fast nichts erreicht hat.

Ein konkretes Beispiel für die Medienarbeit einer Bürgerinitiative vorab: Die Bottroper Initiative, die sich 2014 gegen die Zerstörung des Brinkmannswaldes engagierte, war dank vielfältiger Kontakte gut vernetzter Mitglieder nicht nur einmal im Fernsehen, sondern gleich zweimal kurz hintereinander. Die örtliche Zeitung berichtete fast wöchentlich ausführlich über den Stand der Zerstörung und Leserbriefe von Aktivisten erschienen beinahe täglich. Wenn die Initiative einen hauptamtlichen professionellen Medienbeauftragten gehabt hätte, das Medienecho wäre nicht größer gewesen. Und trotzdem hat es alles nichts genutzt. Hohe Medienpräsenz und politische Erfolglosigkeit schließen sich nicht aus.

Viele Bürgerinitiativen unterliegen einer ganz bestimmten Versuchung: Sie verwechseln Medienpräsenz mit politischem Erfolg. Sie sind versucht zu glauben, dass viele Zeitungsartikel über sie quasi automatisch zur Durchsetzung ihrer Ziele führen. Je öfter über sie in Zeitungen oder Zeitschriften berichtet wird, umso besser, so scheint es. So als ob die Leute von der Initiative in der Zeitung lesen und sofort überzeugt sind. Zeitung lesen und aktives Mitglied der Bürgerinitiative werden: das scheint beinahe zwangsläufig aufeinander zu folgen. Geradezu für einen Sieg halten es viele Bürgerinitiativen, wenn sie es ins Fernsehen schaffen. Wenn das Fernsehen berichtet, muss das eine große Wirkung haben: Die Bürgerinitiative wird berühmt und ihr Erfolg unausweichlich. Denn vor dem Fernsehen kapituliert jeder Politiker, der sich der Bürgerinitiative in den Weg stellt. Das ist natürlich blanker Unfug, aber viele Bürgerinitiativen handeln so. Fast fühlt man sich erinnert an die ständigen Versuche von Herbert Görgens alias Ingolf Lück, ins Fernsehen zu kommen: „Komm‘ ich jetzt ins Fernsehen?“.

Das Beispiel von Horst Stern könnte Bürgerinitiativen lehren, dass eine hohe Medienpräsenz und politische Erfolglosigkeit kein Widerspruch sind. Häufig sind sie sogar zwei Seiten ein und derselben Medaille. Stern hatte alles, was Bürgerinitiativen sich nur wünschen können:

  • Er hatte eine eigene Fernsehsendung, die zur besten Sendezeit direkt nach der Tagesschau in der ARD lief.
  • Der Fernsehdirektor des Süddeutschen Rundfunks, Horst Jaedicke, unterstützte ihn.
  • Er wurde „mit Preisen und Auszeichnungen geradezu überschüttet.“1
  • Er wurde vor einen Bundestagsausschuss geladen.2
  • Er wurde „vom damaligen Innenminister Gerhart Baum in eine Umweltschutzkommission berufen“.3
  • Später war er Chef-Redakteur der Zeitschrift „natur“.

Genutzt hat es alles nichts.

Schluss

2014 telefonierte ich mit Hans Bibelriether. Im Verlauf des Gesprächs fragte ich ihn nach der Adresse von Horst Stern in Passau, weil ich Stern eine Karte zu seinem Geburtstag schicken wollte. Ich fragte Bibelriether auch, ob es vielleicht möglich sei, Stern zu besuchen. Ich hätte ihn gerne persönlich kennengelernt und ihn nach seiner Meinung über die aktuellen Fehlentwicklungen im Nationalpark Bayerischer Wald4 gefragt. Bibelriether riet davon ab; Stern sei sehr krank und empfange keine Besuche. Es blieb bei der Geburtstagskarte.

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  1. Ulli Pfau, Vorwort zum Horst-Stern-Lesebuch, München 1992, S. 10 []
  2. a. a. O., S. 11 []
  3. ebd. []
  4. siehe Ultraviolence []