Zum Tode von Horst Stern

Das verlogene Lob von Ulli Pfau für „Sterns Stunde“

1992 veröffentlicht der Deutsche Taschenbuch Verlag eine Sammlung mit 27 Texten von Horst Stern: „Das Horst Stern Lesebuch“. Ein Schelm, wer dabei denkt, der Verlag wolle anlässlich des 70. Geburtstags von Stern noch einmal Kasse machen, bevor dieser endgültig in Vergessenheit gerät. Im Klappentext reimt sich Herausgeber Ulli Pfau folgendes zusammen:

„Ein Lesebuch […] von Horst Stern, dem herausragenden Lehrmeister in Sachen Natur, der wie kaum einer die Öffentlichkeit wachgerüttelt hat. […] Unvergessen die Höhepunkte seines Wirkens: ‚Sterns Stunde‘ im Fernsehen […].“

Nichts davon stimmt: Stern war „Lehrmeister“ bestenfalls für eine verschwindende und unbedeutende Minderheit. Und er ragte auch nirgendwo heraus. Schon gar nicht hat er „die Öffentlichkeit wachgerüttelt“. Als in den 70er Jahren die Sendungen von „Sterns Stunde“ liefen, war ich Jugendlicher. Ich habe damals nicht eine einzige der 24 Folgen gesehen. Auch nicht meine Eltern oder meine Freunde. Und es gab damals noch keine große Auswahl beim abendlichen Fernsehprogramm! Es gab nur ARD, ZDF und die dritten Programme.

Im Vorwort des Lesebuchs träumt Pfau:

„‚Sterns Stunde‘ wird zu einer der großen Erfolgssendungen der ARD in den siebziger Jahren.“

„Einer wird gewinnen“ mit Hans-Joachim Kulenkampfdas war eine große Erfolgssendung der ARD, aber doch nicht „Sterns Stunde“! Kulenkampf und nicht Stern hatte Einschaltquoten von über 90 % und bis zu 25 Millionen Zuschauer.1  Meine Eltern kannten Wim Thoelke und Hans Rosenthal, aber nicht Horst Stern. „Der Große Preis und Dalli Dalli“ waren ihre „Höhepunkte“, nicht „Sterns Stunde“!

Pfau fabuliert:

„Unvergessen bleibt jener Fernsehfilm am Weihnachtsabend 1971, in dem Stern sich mit der Zunft der Jäger anlegt.“

Unvergessen für wen? Hätten meine Eltern sich am Heiligen Abend die „Bemerkungen über den Rothirsch“ angeschaut, ich hätte geglaubt, sie seien verrückt geworden! Am Heiligen Abend lief Peter Alexander und nicht Horst Stern.

Am Gymnasium wurde uns keine einzige Folge von „Sterns Stunde“ gezeigt. Auch nicht im Biologie-Leistungskurs. Kein Biologielehrer hat jemals von Horst Stern geschwärmt und auch später kein Biologie-Professor. Sehr viel später habe ich selbst als Lehrer ein einziges Mal „Nachdenken über den Rothirsch“ im Unterricht gezeigt.

„Sterns ‚Bemerkungen‘ […] hinterlassen je nach Interessenlage jauchzende oder aufheulende Zuschauer.“

Pfau irrt: Meine Schüler jauchzten nicht und sie heulten auch nicht auf. Sie waren ratlos oder gelangweilt. In einer Schlüsselszene hält der junge Horst Sperber eine Rede auf der Trophäenschau eines Rotwildrings.2 Für meine Schüler hätte er ebenso gut die schwedische Nationalhymne singen können. Und auch meine jüngeren Kollegen wunderten sich über diesen „komischen“ Film. Die heutige Generation kennt Horst Stern nicht mehr und kann mit ihm auch nichts anfangen.

Die 3sat-Edition von „Sterns Stunde“ mit 6 DVDs ist ein Ladenhüter. Bei momox bekommt man für die gebrauchte DVD-Box nur 14 €. Die Nachfrage sei „gering“. Die „Bemerkungen über den Rothirsch“ wurden im August 2013 in sechs Teilen auf YouTube veröffentlicht. Bis zum Zeitpunkt der Veröffentlichung dieses Aufsatzes im Februar 2019 wurde der erste Teil rd. 20.000 mal angeklickt, der zweite Teil noch 10.000 mal und der sechste Teil nur noch rd. 5.000 mal; 5.000 mal in über fünf Jahren – weniger als 1.000 mal pro Jahr. Die „Bemerkungen über einen sterbenden Wald“ wurden seit Ende 2014 ganze 3.500 mal angeklickt. „Sterns Stunde“ ist nicht „unvergessen“. Das genaue Gegenteil ist der Fall: Sie ist vergessen.

Für das falsche Lob für „Sterns Stunde“ gibt es mindestens vier Erklärungen:

  1. Das Lob ist Heuchelei. In Sonntagsreden wird „Sterns Stunde“ zum „Meilenstein“ hochgejubelt und Leute, die nie auch nur eine einzige Sendung gesehen haben, nicken brav mit den Köpfen.
  2. Das Lob ist Wunschdenken. Es wäre so schön, wenn die Vergangenheit so gewesen wäre: Ein Millionenpublikum sitzt gebannt vor dem Fernseher und ist empört über den Wildverbiss durch Hirsche. Wegen der massenhaften Proteste der Fernsehzuschauer muss die Regierung das Jagdgesetz ändern. Die Jäger sind entmachtet! Es ist eine so zauberhafte Geschichte! Und nichts davon stimmt.3
  3. Das Lob ist Autosuggestion.4 Man redet sich ein, „Sterns Stunde“ habe ein Millionenpublikum gehabt und die Sendung sei sehr erfolgreich gewesen. Irgendjemand setzt dieses Gerücht in die Welt, der nächste plappert es ungeprüft nach, weil es irgendwie so plausibel klingt, und schon nimmt man es für bare Münze. Es kann ja auch gar nicht anders sein! Horst Stern, dieser „unermüdliche Kämpfer“!5 Dieser „große Naturschützer“!6 Selbstverständlich hatte er ein Millionenpublikum, das ihm zu Füßen lag! Nur ein Narr könnte daran zweifeln!
  4. Das Lob ist Werbung. Stern wird angeboten wie sauer Bier. Bücher und DVDs sollen verkauft werden.

In meinem Leben taucht Horst Stern erst sehr sehr spät auf: Im Jahr 2014 stolpere ich in einem SPIEGEL-Artikel über den Nationalpark Bayerischer Wald7 zufällig über seinen Namen.

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  1. siehe Hans-Joachim Kulenkampf – TV-Legende []
  2. siehe YouTube []
  3. zu dem nach wie vor katastrophalen Wildschäden siehe u. a. die Studie von Christian Ammer, Torsten Vor, Thomas Knoke und Stefan Wagner: Der Wald-Wild-Konflikt, Göttingen 2010, und meine Artikel Wildschäden durch Rothirsche in Lichtenau, Massive Schälschäden im Wiegental und Vom Versagen der Jagd im Nationalpark Harz []
  4. zur Wirkmächtigkeit von Autosuggestion siehe z. B. Mark Evans, Am Anfang war Gewalt. Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik. Berlin 2017 []
  5. SWR-Intendant Peter Boudgoust in: TV-Journalist Horst Stern gestorben, Zeit Online vom 21.1.2019 []
  6. BUND-Vorsitzende Hubert Weiger, ebd. []
  7. Die Wut der Waldler, Spiegel 47/1997, S. 220 []