Herbstwanderung zum Rachel

„Es war mit den traditionellen Wertvorstellungen der Mehrheit der deutschen Bevölkerung bis in die jüngste Zeit nicht in Einklang zu bringen, dass man […] Bäume sterben und liegen läßt […] oder – das Schlimmste von allen – Borkenkäfer und anderes ‚Ungeziefer‘ fressen lässt, ohne sie zu bekämpfen.“
Hans Bibelriether1

Tote Hose am Rachel

In der Süddeutschen Zeitung vom 12. September 2014 erschien ein großer Artikel über „Totes Holz und neues Leben“ im Nationalpark Bayerischer Wald. Autor Christian Sebald schreibt darin:

„Zwischen Lusen und Rachel entsteht ein Urwald, wie ihn sich kein Laie und kein Experte vorstellen konnte – nicht einmal in seinen kühnsten Träumen. ‚Allein die Fülle an jungen Fichten ist unglaublich‘, sagt Leibl. ‚Wir zählen hier bis zu 4.400 Jungfichten pro Hektar Waldfläche.‘ Das ist gigantisch.“

Zwei Wochen später bin ich zum Rachel aufgestiegen. Ich kam mir verhohnepipelt vor. Nirgendwo ein „wilder Wald“. „Dicht an dicht“ sollten „die jungen Bergfichten hier oben“ angeblich stehen. „Oft ballen sich Dutzende zusammen und bilden ein schier undurchdringliches Dickicht. Dazwischen leuchten rote Vogelbeerbäume.“ Hallo? Offensichtlich war ich am falschen Rachel.

Ich war ratlos. Warum wächst am Rachel kein junger Bergfichtenurwald wie am Lusen? Die Nationalparkverwaltung schweigt die baumlosen Steppen am Rachel tot:

  • Es gibt an den Wegen kein Informationsschild, das Hilfestellung bietet.
  • Das Faltblatt „Auf zum Rachel“ erwähnt die fehlende Verjüngung mit keinem Wort.
  • Der 40-seitige Bericht „Waldentwicklung im Nationalpark Bayerischer Wald in den Jahren 2006 bis 2011“ spricht auf S. 26 in einem einzigen Satz von der „eher spärlich verjüngten Rachelregion“, nur um frohgemut zu verkünden, dass auch dort „Zuwächse in der Pflanzendichte verzeichnet werden“.

Ich halte dieses Schweigen der Nationalparkverwaltung für falsch. Es spielt den Gegnern des Parks in die Hände. Einer ist Heinrich Geier von der Bürgerbewegung zum Schutz des Bayerischen Waldes. Er schimpft im Sommer 2005 in einer Dokumentation des Deutschlandfunks:

„Na, es ist ja nichts da, nur Gras und Baumstümpfe, so einfach ist das. Jeder kann sich überzeugen: Gehen Sie am Rachel, gehen Sie zur Rachelwiese und wenn Sie dort rüber gehen, einfach zum Schutzhaus, eine viertel Stunde Fußweg, wunderschöner Weg. Tot. Tote Hose. Nichts mehr da außer Baumstümpfe.“2

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  1. Natur Natur sein lassen in Nationalparken – Warum fällt das so schwer, Nationalpark 1/2007, S. 10 []
  2. Susanne Lettenbauer, Nationalpark im Gefahr?, Deutschlandfunk vom 19.8.2005 []