Das Fichtensterben am Lusen

Die erste Massenvermehrung des Borkenkäfers (1986 – 1991)

Die erste Massenvermehrung des Borkenkäfers läuft ab wie nach Lehrbuch:1

  1. 1984 und 1985 befällt der Käfer nur die vom Sturm umgeworfenen, liegenden Fichten (Liegendbefall) und vermehrt sich munter.
  2. 1986 werden es so viele Käfer, dass die liegenden Bäume als Brutplätze nicht mehr ausreichen. Ein Millionenheer befällt nun auch die gesunden, stehenden Bäume an den Rändern der Windwürfe (Stehendbefall). Die Bäume sterben ab, die Totholzflächen nehmen zu.

Es gibt ein interessantes Detail, das in vielen Veröffentlichungen zu dieser Zeit fehlt: Bibelriether wäre 1986 verpflichtet gewesen, den Stehendbefall durch Fällen befallener Bäume zu bekämpfen.2 So lautete die Ministerentscheidung vom 14. Oktober 1983. Am 12. Oktober 1986 ist Landtagswahl. Bei Eisenmann häufen sich Anfragen von Ministerpräsident Franz-Josef Strauß und Landtagsabgeordneten aus dem Bayerischen Wald, die um ihre Landtagssitze fürchten. Bibelriether beseitigt nur das befallene Holz an der Straße. „Aber in den abgelegenen Gebieten haben wir es liegen lassen.“ Als Eisenmann bei einem Ortstermin nachfragt, ob er auch den Borkenkäfer bekämpft, bejaht Bibelriether: „Wir haben ihn ja auch bekämpft, nur nicht überall.“3 Er ist überzeugt: „Wir müssen den Käfer fressen lassen.“4

Ab 1988 wird diese Zunahme vom Flugzeug aus mit Farb-Infrarot-Aufnahmen dokumentiert. Die folgende Tabelle zeigt den jährlichen Zugang an Totholzflächen5:

Befallsjahrha
1986 und 198787,4
198868
198921
199014
19915

Schon 1988 ist der Höhepunkt der Massenvermehrung erreicht: 68 ha Fichtenwald sterben nach Käferbefall ab. Dann nehmen die Zahlen bis 1991 kontinuierlich ab. Die Massenvermehrung war zusammengebrochen, „obwohl sich durchaus weitere Fichtenbestände geeigneten Alters in der Nachbarschaft befunden hätten.“6

Am stärksten betroffen sind „die Hochlagen nordwestlich des Lusengipfels entlang der Grenze zur damaligen CSFR bis zum Großen und Kleinen Spitzberg“. Dieser „überdurchschnittliche Totholzanfall … verwundert insofern nicht, als dort von Natur aus weitläufige, reine Fichtenwälder vorkommen“.7

In einem Punkt irrt Nüßlein: Es ist nicht die Natur, die für den Bergfichtenwald am Lusen verantwortlich ist. Denn 1868 und 1870 warfen Orkane in den Hoch- und oberen Hanglagen des Nationalparkgebietes die gigantische Fläche von 2.025 ha Wald.8 Auch damals vermehrte sich der Borkenkäfer explosionsartig in dem Windwurfholz, das z. T. jahrelang liegen blieb. Über 10 Jahre lang räumten Tausende von Waldarbeitern v. a. aus Österreich mehr als 600.000 m3 Katastrophenholz.9 Danach säten oder pflanzten die Förster künstlich neue Fichten. Nur ein Teil entstand durch natürliche Verjüngung.10 Deshalb waren die Fichten in den Hochlagen alle gleich alt: 120 Jahre alte Altersklassenwälder. „Sie bilden  .. einen Nährboden, der dem ‚Buchdrucker‘ – im Gegensatz zu einem mosaikartig gegliederten und altersgestuften Naturwald – sehr zupass kommt.“11

Ursache für das scheinbare Ende der Massenvermehrung ist 1991 ein ungewöhnlich kalter Mai. Damit der Käfer sein Winterquartier verlässt, ausschwärmt und sich in neue Brutbäume einbohrt, braucht es in der ersten Maihälfte Temperaturen über 16,5°. 1991 ist das an keinem einzigen Tag der Fall12.

In der Nationalparkverwaltung glaubt man, aufatmen zu können. Das Schlimmste scheint überstanden. Das sollte sich als Irrtum herausstellen.

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  1. Nüßlein, S. 3 []
  2. ebd., S. 2 []
  3. Hans Bibelriether, Erlebte Geschichten vom 26.5.2013 []
  4. ebd. []
  5. Nüßlein, Abb. 7, S.13, Hinweis: Die Tabelle gibt das Befallsjahr an. Das Befallsjahr liegt immer ein Jahr vor dem Befliegungsjahr. []
  6. Strunz, S. 69 []
  7. Nüßlein, S. 4 []
  8. Rall, S. 20 []
  9. Anton Fischer (Hg.), Die Entwicklung von Wald-Biozönosen nach Sturmwurf, 2009, S. 2 []
  10. Reinhard Strobl, Die Geschichte des Waldes und seiner Besiedlung, in: Bayerisches Staatsministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Forsten (Hg.), Eine Landschaft wird Nationalpark, Grafenau 21993, S. 28 []
  11. Interview mit dem Zoologen Prof. Reinhard Schopf „Das beglückt den Waldbauern nicht“, in: Unser Wilder Wald, 1/1997, S. 12 []
  12. Nüßlein, S. 2 und S. 4, Abb. 4 []