Faktencheck: Buchensterben und Klimawandel

„Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen.“

Bertolt Brecht

Offene Fragen

Am Schluss der Tagung blieben für mich nicht alle, aber viele Fragen offen. Vier davon seien hier etwas ausführlicher vorgestellt:

1. Warum kommt es nach Müllers Vortrag nicht zu Handgreiflichkeiten zwischen ihm und Großmann?

Es besteht ein himmelweiter Unterschied zwischen Großmann („Man bekommt schon ein gewisses Gefühl der Ohnmacht und der Hilflosigkeit.“) und Müller („Das ist die Morgendämmerung der Totholzkäfer!“). Im Grunde genommen wirft der Vize-Chef des einen NLP dem Chef des anderen eine völlig falsche Sichtweise vor und noch dazu eine grundfalsche Öffentlichkeitsarbeit. Vermutlich würde Müller dem Fernsehteam in seinem NLP nicht die absterbenden Buchen zeigen und einen Ranger minutenlang sämtliche Krankheitssymptome aufzählen lassen. Sondern er würde die Lichtbaumarten zeigen, die nun in den Lücken eine Chance bekommen.

Statt erbittertem Zwist herrscht Friede, Freude, Eierkuchen im Saal. Für eine Diskussion ist keine Zeit und hinterher geht man gemeinsam Pizza essen. Man kennt sich und schätzt sich: „Grüß Dich Manfred!“, „Grüß Dich Jörg! Du, da müssen wir irgendwann noch einmal ausführlich drüber reden!“

2. Warum protestieren die versammelten NLP-Leiter nicht mit Pfiffen und Buhrufen gegen Müllers Vortrag?

Die Kritik von Müller trifft nicht nur massiv den im Saal direkt vor ihm sitzenden Hannes Knapp:

„Der Buchenwald! Der Buchenwald! Der Buchenwald! Das ist ein Konstrukt von den Botanikern wie dem Hannes Knapp. Das ist im Kopf kreiert, in der Natur gibt es das so nicht.“

Die Kritik trifft mindestens auch die anwesenden Leiter der 5 deutschen Buchenwälder, die zum UNESCO-Weltnaturerbe ernannt wurden. Denn dort ist genau das passiert, was Müller beschreibt:

„Der Naturschutz hätte gerne diese Flächen [Müller zeigt auf die Terminal- und Zerfallsphasen]. Die gibt es aber nicht, deshalb sagt er: ‚Nehmen wir halt die nächstältere!‘. Dann nimmt er die [Müller zeigt auf die Optimalphase.] und dann sagt er: ‚Das ist meine hervorragende Naturschutzfläche!“. Und wenn man nach 20 Jahren Naturschutzmaßnahmen oder Nichtstun guckt, was ist da drin, dann kommt heraus: Das sind die langweiligsten Flächen, die wir für die Artenvielfalt in Deutschland momentan haben!“

Das ist keine harmlose Kritik an belanglosen Randerscheinungen. Diese Kritik trifft genau ins Herz des Naturschutzes: Die geschützten Wälder sind langweilig. Und wenn dann einmal die ersten kleinen Teile in die Zerfallsphase kommen und es endlich spannend wird, dann schlagen die Medien sofort Alarm: „Klimawandel!“, „Artensterben!“, „Der Mensch ist schuld!“, „Die Welt geht unter!“

Vielleicht blieben die Proteste aus, weil Müller den letzten Vortrag an diesem Tag hielt und vor ihm schon sage-und-schreibe 8 Vorträge gehalten worden waren – jeder davon eine halbe Stunde lang, jeder davon gespickt mit Diagrammen, Abbildungen, Tabellen, Fotos, Zahlen, Zahlen und noch mehr Zahlen. Ein Teilnehmer gestand mir, er sei beim Vortrag von Müller eingeschlafen.

3. Warum protestieren Fridays For Future nicht an der Würzburger Uni gegen Prof. Müller? Warum blockieren Extinction Rebellion nicht seine Vorlesung?

Man stelle sich einmal vor, Umweltministerin Svenja Schulze würde in einer Talkshow die folgenden Sätze sagen:

„Uns wird im Fernsehen erzählt, die Lage im NLP Hainich sei besorgniserregend. Sogenannte Naturschutzexperten wollen uns weismachen, die Lage im Wald sei kritisch. Sie beklagen: ‚Jetzt stirbt sogar die Buche!‘ Das ist falsch! Diese Trockenphasen, wo jetzt alle nervös werden – das war alles schon mal da! Der Buchenwald! Der Buchenwald! Der Buchenwald! Das ist ein Konstrukt von den Botanikern. Das gibt es nur in ihren Köpfen, in der Natur gibt es das so nicht. Im Wald sieht es überhaupt nicht kritisch aus. Wir erleben momentan die Morgendämmerung der Totholzkäfer!“

In den Medien gäbe es einen bundesweiten Aufschrei! Auf Facebook und Twitter würde Schulze einen Shitstorm entfachen. „Schulze – die Klimawandelleugnerin!“, „Schulze – die Klimawandelskeptikerin!“, „Schulze leugnet das Waldsterben!“, „Schulze verharmlost das Artensterben!“

Aber die oben Schulze in den Mund gelegten Sätze stammen fast wortwörtlich von Müller. Trotzdem schreit bei ihm niemand auf. Und ich schon gleich gar nicht. Denn er hat ja Recht! Die Trockenphasen waren alle schon mal da. Die letzte große Trockenphase hatte sogar einen Namen: mittelalterliche Wärmeperiode.1siehe z. B. Klimawandel in Deutschland – Temperaturen – Letzte 2000 Jahre oder Kalte Sonne

4. Warum kritisiert nur einer die völlig ungenügende Jagd im NLP?

Bei der Exkursion am Samstag durch das Weberstedter Holz, dem ältesten Teil des NLP Hainich und UNESCO-Weltnaturerbe, stellt Müller eine nur scheinbar unverfängliche Frage: „Habt Ihr hier Weiserflächen?“ Er meint damit kleine Flächen, die eingezäunt sind, sodass das Wild die jungen Bäumchen nicht verbeißen kann. Ein direkter Vergleich mit den nicht eingezäunten Flächen ist dann möglich. Wachsen im Gatter dann Baumarten, die man außerhalb des Gatters bislang noch gar nicht entdeckt hatte oder wachsen dort viel mehr Bäume, dann ist das ein direkter Beweis dafür, dass die Wildbestände massiv überhöht sind. Die Frage ist von großer Wichtigkeit: Wenn wie im Weberstedter Holz die ersten alten Buchen zusammenbrechen, entstehen Lichtkegel im Wald und dort hätten jetzt die Lichtbaumarten eine Chance – die Bäume, die für natürliche Wälder so typisch sind und auf die Müller in seinem Vortrag am Tag zuvor so viel Wert gelegt hat. Großmann antwortet auf die Frage folgendes:

„Wir hatten im Weberstedter Holz 20 Zaunanlagen, die dann eigentlich in jedem Winter ziemlich zerstört worden sind einfach durch die Dynamik hier. Dann haben wir es auch sein lassen.“

Wenig später äußert er sich ausführlich zur Jagd:

„Wir jagen im NLP nicht, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen, einen bestimmten Zustand oder um irgendetwas zu lenken, sondern wir jagen, um die Schäden im Umfeld zu minimieren. Da spielt natürlich das Wildschwein eine ganz große Rolle. […] Wir haben eine Zonierung, wo dann die Intensität natürlich von innen nach außen ansteigt. Hier wird gar nichts gemacht. Seit mindestens 15 Jahren wird hier gar nicht gejagt. […] Wir haben 4 Schalenwildarten: Rotwild – einen kleinen, wohl wachsenden Bestand, wo wir eine Zeitlang gar nichts gemacht haben. Dann gab es Proteste von Waldbesitzern außen. Da haben wir es wieder aufgenommen in einem sehr bescheidenen Umfang. Wir schießen ungefähr 10 Stück Rotwild im Jahr. Wir haben Dammwild, was in den 70er Jahren hier angesiedelt worden ist, wo wir dann so 40-50 Stück in jedem Jahr schießen. Der Bestand ist stagnierend wohl oder sogar leicht rückläufig. Rotwild steigt an, Dammwild geht zurück – das wäre in unserem Sinne. Wir haben sicherlich einen sehr großen Rehwildbestand, ohne dass jemand genau weiß, wie viel wir haben. Wir haben keinen Einfluss auf das Rehwild. Die Rehwildbejagung ist fast auf der gesamten Fläche eingestellt. Wir haben 2 Bereiche, wo Privatwälder an den NLP grenzen, dort wird gejagt – ungefähr so von der Größenordnung 50-60 Rehe im Jahr. Vor 10 Jahren hatten wir ungefähr 250 geschossen. Und dann kommt natürlich das Schwarzwild. Das ist sozusagen der Hauptzankapfel mit den angrenzenden Landwirten. Das sind natürlich auch ideale Gebiete für das Schwarzwild – hier drin mit Eichen und Buchen, draußen dann z. T. mit Maisäckern, die angrenzen, sodass wir hier einen Bestand haben – wir haben jetzt mal ein Monitoring gemacht mit Fotofallen, das wird hochgerechnet – 100-1200 Tiere hier auf der Fläche und geschossen wurden in den letzten Jahren so im Schnitt um die 200.“

Dietrich Mehl, Leiter der Landeswaldoberförsterei Reiersdorf, hakt noch einmal nach und es entspinnt sich folgender hochinteressanter Dialog:

„Ich weiß nicht, ob das Thema Jagd schon abgehandelt worden ist …“
„Ja, hatten wir vorhin, ja!“
„Ja, leider!“
„Naja, aber wir können ja … Es ist nicht abgeschlossen. Das ist ja ein Dauerbrenner! Es gab ja letztes Jahr so einen schönen Vortrag aus dem Schweizer Alpennationalpark. Die sind ja jetzt 105 Jahre alt. Und der Vortrag war übertitelt mit dem Seufzer ‚Hört denn das nie auf?‘ Und es ist klar: Das Thema Jagd wird uns immer beschäftigen, weil es keine 100% zufriedenstellende Lösung gibt.“
„Ja, weil Sie das gerade mit dem Standortpotential erwähnt haben. Das wird ja hier gekappt.  Das wird ja hier eine sehr buchendominierte Verjüngung. Die Buche setzt sich halt durch. Aber das entspricht nicht den Dingen, die hier möglich wären. Ich weiß nicht, ob ich das vorhin richtig verstanden habe. Sie schießen 50 Rehe?“
„Genau.“
Roland Wirtz, Leiter des Prozesschutzreviers Quierschied, der neben mir steht, kommentiert:
„Die schöpfen ja nicht einmal … lange nicht den Zuwachs ab!“
„Das ist uns völlig klar! Hier an dieser Stelle konkret jagen wir seit fast 20 Jahren gar nicht mehr – fast seit Beginn des NLP.“
„Worauf ich hinaus wollte: Die 50 bräuchte man auch nicht schießen, weil auf die käme es eigentlich gar nicht an. Ob man das jetzt macht oder nicht, hat keinen Effekt. Aber – was mich wirklich ehrlich gesagt ein bisschen auch wundert – ich glaube, Jörg hatte danach gefragt – dass keine Weisergatter dieses Potential mal abbilden.“
„Ja.“
„Das ist also … finde ich ein Manko auch, ehrlich gesagt.“
„Wir hatten hier 20 Weisergatter, die wir aber vom Aufwand her nicht erhalten konnten, wo wir uns aber überlegen sollten, ob wir dann an einigen Stellen etwas machen.“
„Weil diese ganze Diskussion wird natürlich auch ein bisschen transparenter dann und auch ein bisschen substantieller, weil dann kann man sich mal wirklich darüber unterhalten, ja wollen wir das dann so, dass es in diese Richtung geht, oder sagen wir, wir nehmen alle anderen Dinge in Kauf. Theoretisch gibt es immer das Totschlagargument, dass man sagt, naja, mal gucken, was in 100 Jahren ist und so.“

Dietrich Mehl und Jörg Müller

Dem ist nichts hinzuzufügen; Mehl trifft genau den wunden Punkt und ich bewundere, wie ruhig und freundlich er die ganze Zeit bleibt. Aber – ich hätte da eine Idee, wer den radikalen Extremisten des Tierschutzes und den Jagdgegnern (z. B. PETA) ein Schnippchen schlagen könnte: Staatsfeind Nr. 1 Björn Höcke!2Landesvorsitzender der Thüringern AFD und Spitzenkandidat für die Landtagswahl in Thüringen am 27. Oktober 2019 3 Tage nach der Tagung sprach er in Bad Langensalza – allerdings nicht im Kultur- und Kongresszentrum, sondern vor der Marktkirche. Man stelle sich vor, Höcke hätte dort folgendes gefordert:

„Liebe Freunde! Jährlich schießt der NLP 50 Rehe tot! Wir von der AFD fordern ein totales Verbot der Jagd im NLP! NLP-Funktionäre rotten das deutsche Reh aus! Aber ohne Rehe wandern Mischbaumarten in den Wald ein! Die Reinheit des deutschen Buchenwalds ist durch Mischbaumarten bedroht! Linke Naturschutz-Ideologen wollten Mulitkulti nun auch im deutschen Wald durchsetzen! Die Buche wird zur Minderheit im eigenen Wald! Liebe Freunde! Wir haben die Nase voll von dieser abgehoben NLP-Kaste hier in Bad Langensalza! Wir von der AFD fordern Freiheit und Sicherheit für das deutsche Reh!“

Fortan würden Jagdgegner vom Verfassungsschutz beobachtet und der zukünftige Ministerpräsident würde bei der nächsten Jagdsaison höchstpersönlich zum Halali blasen und dafür sorgen, dass mehrere 100 Rehe, Dammwild und Rotwild geschossen würden. Dann hätten Aspe, Hainbuche, Elsbeere, Eibe und Eiche endlich eine Chance im NLP!3siehe dazu auch Vom Versagen der Jagd im Nationalpark Harz und Georg Meister über Wildschäden

Schluss

Die Vorträge der Tagung wurden nicht live auf Facebook, Twitter oder YouTube übertragen. Es wird auch kein Buch mit den Vorträgen geben. Zu wenig Interesse … Aber alle Referenten hatten Robert Lehmann vom Verlag Natur und Text zugesagt, ihm ihre PDF-Dateien mit den Präsentationen zu schicken. Sie sind tatsächlich alle auf der Homepage des NLP veröffentlicht worden.

Buchempfehlung

Zur weiteren Vertiefung des Themas empfehle ich Alles grün und gut – eine Bilanz des ökologischen Denkens von Dirk Maxeiner und Michael Miersch, und darin u. a. das Kapitel „Der Wald wächst unverdrossen“. 

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