Faktencheck: Buchensterben und Klimawandel

Prof. Jörg Müller und das Buchensterben

Der letzte von insgesamt 14 Vorträgen der Tagung war Prof. Jörg Müller vorbehalten.1Seine Präsentation können Sie hier herunterladen. Und dieser Vortrag hatte es in sich! Dies wird schon deutlich an den Sätzen, die ich als Überschriften für die Teile seines Vortrags gewählt habe, die ich transkribiert habe. Mehrfach ging ein Raunen durch das Publikum, weil Müller mehreren der anwesenden Experten heftig auf die Füße trat.

Jörg Müller

Die heutigen Naturschutzflächen sind die langweiligsten Flächen für die Artenvielfalt.

„Wir haben heute schon viel gesehen über Heike Begeholds Arbeiten zu Waldentwicklungsphasen. Wir haben eine Studie [Müller meint die folgende Publikation: Hilmers, Torben & Frieß, Nicolas & Bässler, Claus & Heurich, Marco & Brandl, Roland & Pretzsch, Hans & Seidl, Rupert & Müller, Jörg. (2018). Biodiversity along temperate forest succession. Journal of Applied Ecology. 10.1111/1365-2664.13238.] gemacht mit Torben Hilmers und uns angeguckt, wie ist die Artenvielfalt entlang der Waldentwicklungsphasen – angefangen von den frühen Gap-Phasen [= Lücken], dann zu den Optimalphasen, der Plenter-, der Terminal- und der Decay-Phase [= Zerfallsphase]. Das ist die Theorie: Das Sonnenlicht am Boden nimmt ab, die Totholzvorräte nehmen ab, der lebende Vorrat nimmt zu und so sollten die Kurven verlaufen. [Müller zeigt auf Abbildung 1 (a) des Aufsatzes] Und das ist dann die Reaktion, die man von den verschiedenen Organismen erwartet [Müller zeigt auf Abbildung 1 (b) des Aufsatzes]. Jetzt die Frage: Wolfgang Scherzinger hat diese Kurve schon einmal hingemalt, schon zig-fach zitiert, wir nennen sie immer – mit seinem Zugeständnis –  die ‚Scherzinger-2.0-Grafik‘, weil jetzt mit Daten. Der Wolfgang hat [nur] ein model-averaging aus dem Bauch gemacht – man muss aber sagen: Er war sehr gut. So sieht die Kurve aus:[Müller zeigt auf Abbildung 4 des Aufsatzes.] die drei Reiche [Tiere, Pflanzen, Pilze], jetzt auch noch mit den Pilzen. Sie sehen, die Fauna und Flora haben in den frühen Sukzessionsstadien und den späten ihren höchsten Artenreichtum. Am langweiligsten sind die mittleren, diese Optimalphasen. Alte Buchenwälder gehen irgendwo los bei 200 Jahren und vereinfacht gesagt haben wir die nicht in Deutschland.

So – jetzt haben wir das Problem: Der Naturschutz hätte gerne diese Flächen [Müller zeigt auf die Terminal- und Zerfallsphasen]. Die gibt es aber nicht, deshalb sagt er: ‚Nehmen wir halt die nächstältere!‘. Dann nimmt er die [Müller zeigt auf die Optimalphase.] und dann sagt er: ‚Das ist meine hervorragende Naturschutzfläche!“. Und wenn man nach 20 Jahren Naturschutzmaßnahmen oder Nichtstun guckt, was ist da drin, dann kommt heraus: Das sind die langweiligsten Flächen, die wir für die Artenvielfalt in Deutschland momentan haben!

Und das muss mal in die Köpfe rein! Und da haben mehrere Vertreter des Naturschutzes die Leute so eingeschworen, dass die Scheuklappen so eng sind. Und das Gleiche gilt für die frühen Sukzessionsstadien. Die werden völlig ignoriert. Das sind die artenreichsten Flächen im deutschen Buchenwald heute! Weil – natürlich wären die da hinten [Müller zeigt auf die späten Sukzessionsstadien.], aber: die haben wir nicht.“

Großflächige Störungen in Buchenwäldern und die Morgendämmerung der Totholzkäfer

„Hier sehen Sie ein Bild aus dem Steigerwald: das Naturwaldreservat Brunnstube. Ich bin noch so aufgewachsen und erzogen worden: Großflächige stand-replacing-disturbances [= Störungen, die den ganzen Waldbestand betreffen, z. B. Waldbrände, Windwürfe] gibt es im Buchenwald nicht! Das ist untypisch! Was haben wir gemacht? Wir sind Jahrzehnte lang durch die Karpaten und andere Urwälder gewandert, da sieht man mal einen 1 ha oder 2 ha großen Windwurf und wir haben gesagt ‚Untypisch!‘ und sind weiter gelaufen. Durch Kollegen aus Miroslav Svobodas Arbeitsgruppe aus Prag, die sich durch die halben Karpaten gebohrt haben, haben wir heute gelernt: Das war falsch! Buchenwälder sind wesentlich dynamischer; auch der komplett umfallende Buchenwald, den gibt es, auch wenn es vielleicht nicht die Regel ist. Aber man geht davon aus, dass 15 % von Natur-Buchenwäldern von solchen großflächigeren Störungen betroffen sind. Das ist ganz einfach erklärt: Das ist ja fast genauso, wie wir es mit den Buchenwäldern in Deutschland momentan haben, wo lichtliebende Arten im Buchenwald ihren Platz finden. Wer es nicht glauben mag – warum kennen wir es auch nicht? Ganz einfach! Weil wir keine starken Buchen haben. Haben Sie schon einmal versucht, einen Sommersturm in einen jungen Buchenwald zu lassen? Das ist recht unspektakulär! Aber lassen Sie mal so einen Sommersturm in so richtig großkronige, alte, kopflastige Buchen – das ist genau hier passiert, dann brechen die einfach sang- und klanglos ab und plötzlich ist eine Riesenlücke im Wald.

Und dann noch mein Hinweis – vorhin hat der Hannes Knapp die Resolution vorgelesen, also wir hätten eine kritische Lage im Wald. Ich teile das überhaupt nicht. Die Forstwirtschaft hat eine kritische Lage. Im Wald sieht es überhaupt nicht kritisch aus. Das ist die Morgendämmerung der Totholzkäfer!“

Der Buchenwald ist ein Kopfgeburt von Botanikern, den es in der Natur nicht gibt.

„Ich bin auch als Buchenwaldbegeisterter gestartet und für mich hat sich vieles relativiert. Woher kommt unser Bild, dass die Buchenwälder in Deutschland so dominieren würden, wie wir es heute erleben, wenn wir in unsere Wirtschaftswälder gehen?

Wir müssen uns vor Augen führen, der Mensch und die Buche sind nach der Eiszeit gleichzeitig in Mitteleuropa eingetroffen. Es hat nie eine vom Menschen unbeeinflusste Waldlandschaft mit Rotbuche ohne Mensch gegeben in Deutschland. Unsere Sichtweise ist ganz stark von Wirtschaftswäldern geprägt – und zwar gerade aus den letzten 60 Jahren unter nasskalten Bedingungen und extrem hohen Wilddichten. Wir haben – auch ich selber in der Ausbildung – Dinge wie natürliche Dynamiken [vergessen]. Denken Sie mal an Flussauen! Denken Sie mal, was ein Fluss machen würde, der mäandriert in einer großen Talaue! Wir kennen das nicht mehr! Gehen Sie mal in Naturlandschaften, wo es so etwas noch gibt, und Ihnen wird klar: Das waren keine Buchenwälder! Oder wenn, dann nur ganz kurzfristig, bis der Fluss sich umgelagert und sie weggemacht hat.

Und selbst in den Buchenwäldern ist die Dynamik – in reifen, natürlichen Buchenwäldern –  deutlich höher, als wir es bisher angenommen haben. Und wir kommen einfach aus unseren entschleunigten Wäldern … Unsere ganzen Naturwaldreservate – was sind die denn? Es sind die Wirtschaftswälder von gestern, von Menschenhand geprägt, ohne Dynamik. Und deswegen hat der Begriff Buchenwald so ein bisschen in die Irre geführt. Wir sollten lieber von ‚temperaten Laubmischwäldern‘ sprechen, in denen die Buche bei uns sicher eine wichtige Rolle spielt, aber eben weggehen von diesem reinen Buchenwald. Der Buchenwald! Der Buchenwald! Der Buchenwald! Das ist ein Konstrukt von den Botanikern wie dem Hannes Knapp. Das ist im Kopf kreiert, in der Natur gibt es das so nicht. Wir haben es eben von Michael Manthey gehört: Diese Trockenphasen, wo jetzt alle nervös werden – ‚Jetzt stirbt sogar die Buche!‘ – das war alles schon mal da! Wälder sind wesentlich dynamischer und da hat die Buche einen festen Anteil.“

Folie von Manthey

Freuen Sie sich an den momentanen Störungen im deutschen Wald!

„Als ich vor 2 Jahren zum NLP Spessart angemahnt habe, es kommen auch wieder bessere Zeiten für die Eiche, da hat man mich noch für völlig verrückt erklärt. Und wir sind als Studenten durch Białowieża gewandert, mit einem Führer quer durch die Naturzone. Wir waren fix und fertig vom vielen Totholz, da mussten wir immer darüber steigen. Da hat er gesagt: ‚Wir sind ja alle Zivilisationskrüppel!‘ Und da haben wir auch wie Studenten so üblich gesagt: ‚Ja, Mensch die Eiche wird immer gefressen! Wie soll denn da die Eiche nachkommen?“ Da war sein weiser Satz: ‚Buben! Die Eiche wird 600 Jahre alt. Da kommen auch wieder bessere Zeiten für die Eiche!‘ Und ich glaube, genau das können Sie momentan in Deutschland beobachten.

Freuen Sie sich an den Störungen, die Sie momentan in Deutschland sehen! Dem Wald wird es danach besser gehen. Mischbaumarten werden eine Chance bekommen. Buchenwälder werden artenreicher. Die Forstwirtschaft hat ein Problem, die Holzwirtschaft auch, aber uns Naturschützer sollte das am heutigen Tag jetzt mal nicht berühren! Dankeschön!“

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